Donnerstag, 2. Februar 2017

vier

Die Leute stellen sich immer vor, wie schlimm es sein muss, zu erfahren, dass man querschnittgelähmt ist. Dass die erste Zeit hart sein muss, man sich daran gewöhnt und mit der Zeit lernt, damit umzugehen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, das Gegenteil ist der Fall.
Die erste Zeit, vor allem die ersten Tage sind im vergleich noch so entspannt.
Zum einen hast du noch überhaupt keine Ahnung, was da auf dich zu kommt. Du weißt nicht, was es heißt querschnittgelähmt zu sein. Hast keine Ahnung, dass du Jahre brauchen wirst, bis du wieder alleine aus dem Bett kommst. Du weißt noch nicht, dass nicht nur deine Beine nicht mehr gehorchen werden. Du merkst, dass es auch deine Finger, deine Arme, dein Rumpf nicht tun und wie viel mehr dich das noch einschränkt. Du weißt noch nicht, dass du nie wieder einfach so unter die Dusche springen wirst. Du merkst wie viel Zeit und Kraft es kosten wird, zu duschen. Du weißt noch nicht, dass deine fehlende Fingerfunktion dich schreiben komplett neu lernen lassen werden muss. Du hast keine Ahnung, dass in wenigen Monaten, alle deine Freunde, die versprechen dich immer zu unterstützen und für dich da sein werden, dir den Rücken zukehren. Sich nicht mehr melden und dich alleine lassen. Du weißt noch nicht, wie blöd, bemittleidend dich die Menschen anschauen werden. Weißt noch nicht, dass es unmöglich werden wird, alleine rauszugehen und zu tun worauf du Lust hast. Du weißt noch nicht, dass du in wenigen Wochen vom Menschen zum Rollstuhlfahrer wirst, so wie dich die Leute eben sehen werden. Du ahnst noch nichts von dem Kampf mit den Kassen, mit Behörden und Sanitätshäusern.
Da bist nur du und der Gedanke: "Ok, Mist, ich kann gerade nicht mehr aufstehen."

Und dann ist da noch etwas, das alles viel leichter macht. Da ist die Hoffnung. Da ist der Arzt, der dir sagt du wirst nie wieder laufen können und ein einziger Gedanke: Jaja, genau. In ein paar Tagen werde ich hier rausspazieren.
Die Ärzte, die immer wieder sagen, wie schwer deine Verletzung ist. Aber noch immer nur diese Überzeugung, dass das nur ein vorübergehender Zustand ist, nur ein vorübergehender Zustand sein kann. Wenn nicht die Beine, dann werden doch wenigstens die Hände, oder?
Dann kommen die Wochen und du verstehst nicht, warum du noch immer nicht laufen kannst. Noch nicht einmal aufstehen, mit dem Zeh wackeln, die Finger strecken.
Nach Wochen, sind es Monate. Noch immer nichts. Du wirst aus der Reha nach Hause entlassen. Warum? Ich kann doch noch gar nicht wieder laufen?
Die Ärzte sagen dir, man soll den Nerven Zeit geben. Zwei Jahre. Was bis dahin nicht kommt, kommt nicht wieder.
Dann ist ein Jahr rum. Du bekommst langsam Angst, denn du musst unbedingt in einem Jahr wieder laufen können, denn sonst wird das nie wieder. Und die Zeit vergeht. Zu schnell. Und dann sitzt du, wieder ein Jahr später, zwei Jahre nach dem großen Tag da. Fragst dich wo die Zeit geblieben ist und warum zur Hölle sich einfach nichts bessert. Warum kannst du nicht aufstehen? Warum kannst du dein Bein nicht heben. Warum kannst du nicht laufen. Und so langsam. Wirklich langsam, ängst du an zu realisieren. Du realisierst, dass es wohl doch kein vorübergehender Zustand war, ist. Dir fängt an klar zu werden, was das bedeuten könnte. Für immer. Und für immer ist ziemlich lang.
Und dann sitzt du da. Vier Jahre nach Tag X. Fragst dich wo die Zeit geblieben ist und warum zur Hölle sich einfach nichts bessert. Du hast realisiert, was es bedeuten kann. Für immer. Aber Akzeptanz ist da nicht. Du willst es nicht wahrhaben, aber die Hoffnung nimmt immer mehr ab. Die Hoffnung, die dich hat nach vorne schaun lassen. Die verliert sich mit der Zeit. Was bleibt ist die Angst. Wut. Und vielleicht auch Traurigkeit.

Du hast gedacht, spätestens in ein paar Jahren wirst du wieder laufen. Wirst nur selten daran denken, wie du einmal fast im Rollstuhl gelandet wärst. Aber die Jahre vergehen und du merkst, wie sich nichts tut.




















Kommentare:

  1. Super geschrieben! Als Nicht-Querschnittsgelähmter ist einem so vieles nicht bewusst. Danke dass du uns an deinem Schicksal teilhaben lässt und auch die Schattenseiten nicht auslässt - ohne mitleidserregend wirken zu wollen.
    Du bist eine starke Frau und ein Vorbild für so viele. Auch wenn die Chancen auf Heilung nicht gut sind,wünsche ich dir trotzdem viel Kraft, kleine Fortschritte und vielleicht irgendwann Akzeptanz und inneren Frieden.

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  2. Äusserst eindringlich beschrieben.

    Kommt bei mir herüber wie ein immer schrecklicher sich entwickelnder Albtraum, an dessen Ende die Erkenntnis seiner Realität steht.

    Paradoxerweise halten die Härte der Formulierung der ärztlichen Diagnose, der eigene Widerspruchsgeist, die Hoffnung auf Besserung und das Nichtwissen um die Folgen und Hindernisse einen mental über Wasser während der ersten Jahre nach der Verletzung?!

    Mit grösstem Respekt vor Deiner bisherigen Lebensleistung,

    Manfred

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  3. Hallo Amelie,
    in wenigen Tagen ist bei mir 13 Jahre nach Tag X. Ich kann Deine Zeilen soooo gut nachempfinden und es weckt alte Erinnerungen. Heute muss ich sagen, hat sich bei mir viel von der Traurigkeit verloren, die Hoffnung ist zwar gewichen, aber geblieben ist nicht Hoffnungslosigkeit sondern Akzeptanz. Das Leben hat sich wieder gefüllt, anders zwar, aber es ist wieder reich und die schmerzhaften Momente sind weniger geworden. Trotzdem habe ich auch Angst vor der Zukunft, vor allem wie das wird, wenn man älter wird ...
    Ich wünsche Dir weiterhin viel viel Kraft und Mut für das Leben.

    Liebe Grüße
    V. (die ebenfalls in Murnau war nach dem Unfall9

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